Mehr Dopamin, bitte

100 Mrd. Zellen, etwa 100 Bio. Verknüpfungen: Unser Gehirn leistet Unglaubliches. Auch die Produktion von Dopamin und Oxytocin, die viel mit der modernen Arbeitswelt zu tun hat. Mit dem Neurobiologen Dr. Bernd Hufnagl haben wir anlässlich unseres 25-jährigen Jubiläums darüber gesprochen.

Das Gehirn – unsere Hardware

In Ihrem Buch „Besser fix als fertig. Hirngerecht arbeiten in der Welt des Multitasking“ sprechen Sie vom Gehirn als unsere Hardware. Wie tickt diese Hardware?

Bernd Hufnagl: Man muss wissen: Wir sind Erben von uralten Netzwerken in unserem Gehirn. Die Evolution hat uns eine Grundausstattung mitgegeben, um zu funktionieren. So klar und banal das ist, Menschen mussten immer funktionieren. Daher haben sich unsere grundlegenden Programme nicht verändert, sie blieben wie sie sich ursprünglich entwickelt haben.

Wie wir die Welt wahrnehmen, ist also seit Millionen von Jahren in unserem Gehirn, in unserer „Hardware“ vorbereitet.

Industrialisierung, Arbeitsteilung und Digitalisierung ändern nichts in unserem Hirn. Was sich allerdings ändert, ist unser Verhalten und unsere Kultur. Wir gewöhnen uns an Dinge, sogar ganz schnell. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es Smartphones, Clouds und Schwarmintelligenz gibt – um ein paar Schlagwörter zu nennen.

Allerdings – auch wenn wir uns daran gewöhnen – diese Dinge zeigen Nebenwirkungen, die nicht immer schön sind. Das können Stressbelastungen, Aufmerksamkeitsstörungen oder psychische Störungen, Ungeduld, Oberflächlichkeit oder Respektlosigkeit sein. Wir erleben, dass Menschen nicht mehr zuhören können, sondern sich Dinge nur mehr anhören. Das betrifft die Arbeitswelt wie auch das Privatleben in höchstem Maße. Der Umgang miteinander wird damit weniger wertschätzend.

Ewiggestrige meinen ja, dass früher alles besser war. Das war es aber nicht, es war nur anders. Nicht Geräte oder die Digitalisierung tragen die Schuld daran, dass wir nicht hirngerecht damit umgehen, sondern die menschliche Natur. Die menschliche Natur zu beachten, ermöglicht uns zu erkennen, was alles an Nebenwirkungen zu vermeiden wäre durch ein anderes Verhalten, nämlich ein hirngerechtes Verhalten.

Unser Belohnungszentrum & unsere Arbeitswelt

Stichwort Dopamin: Was hat unser Belohnungszentrum im Gehirn mit all dem zu tun und ist unsere Arbeitswelt „dopaminfreundlich“?

Bernd Hufnagl: Das Hormon Dopamin gibt uns ein unglaublich gutes Gefühl. Es ermöglicht uns zu sehen, dass das, was wir gemacht haben, Sinn ergibt und sich wohl auch morgen wieder lohnen wird. Dopamin gibt uns einen inneren Schub und die Bereitschaft, Energie in etwas zu investieren. Je mehr davon, desto besser.

Die moderne Arbeitswelt bietet leider nicht die optimalen Rahmenbedingungen zur Dopamin-Produktion. Grundlegend und entscheidend dafür ist zum Ersten:

Wir müssen die Grundbereitschaft und die Möglichkeit haben, uns anzustrengen.

Viele Menschen haben das, viele Menschen – und die dürfen wir nicht vergessen – haben das aber nicht. Denken wir an Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sind. Oder Langzeitarbeitslose und chronisch Kranke: Sie haben gar nicht die Möglichkeit, sich anzustrengen. Auch Wohlstandsverwahrloste gehören dazu. Sie erleben nicht die positive Wirkung des Dopamins. Sie fühlen keine Zufriedenheit, kein Glück, keine Motivation.

Zurück zu unserer Wissensgesellschaft. Unser Gehirn braucht zum Zweiten die völlig klare Sichtbarkeit, wofür wir uns anstrengen. Ich bezeichne das als Rasenmäherlogik: Vor dem Rasenmäher ist das Gras hoch, dahinter ist es kurz. Wir sehen unseren Fortschritt sofort. Das braucht unser Gehirn. Es will zeitnah und unmittelbar den Effekt der Anstrengung erkennen. Viele Arbeitende haben das aber nicht mehr. Unsere Daten zeigen, dass sich über 70 % der Arbeitnehmer am Ende des Tages fragen, was sie heute überhaupt geleistet haben. Trotz Anstrengung sehen sie durch die zahlreichen verschiedenen Aufgaben, viel Multitasking, permanente Unterbrechungen, dauernde Ablenkungen und ständige Umpriorisierungen nicht mehr den gemähten Rasen, nicht mehr den Effekt ihrer Anstrengung. Dieses Multitasking konterkariert also die Logik unseres Belohnungssystems.

Was richtet ständige Ablenkung mit unserem Gehirn, mit uns an?

Bernd Hufnagl: Wir kennen das alle: Wir tun uns oft schwer, genau zuzuhören oder ein Buch genau zu lesen. Wir kennen es auch, dass dauernd etwas am Bildschirm aufpoppt, das Telefon läutet oder jemand ins Büro kommt. Dazu kommen die sozialen Kanäle. Auch während der Arbeitszeit lesen wir eine private WhatsApp-Nachricht oder schauen kurz auf Instagram vorbei. Es ist ein ständiges Durcheinander, das zur Zunahme von Aufmerksamkeitsstörungen führt.

Unsere zunehmende Unfähigkeit zuzuhören, stattdessen nur mehr nebenbei anzuhören, hat fatale Folgen. Im Hirn werden die kleinen Lücken, die beim gedanklichen Abdriften entstehen, mit kleinen Geschichten ergänzt, und zwar mit Vorurteilen aus meinen Erfahrungen. Die können stimmen, müssen es aber nicht. Oberflächlichkeit, Konflikte, Missverständnisse und das egoistische Ich nehmen damit zu.

Das fußt auf der Unfähigkeit unseres Präfrontalen Kortex, sich zu fokussieren und sich konzentrieren zu können. Unsere Daten zeigen, dass die Aufmerksamkeitsspanne sinkt und sinkt, von Jahr zu Jahr. Ganz prinzipiell: Unsere Konzentrationszeit beträgt in etwa 90 Minuten. Wegen der vielen Unterbrechungen liegen wir nur noch bei 11 Minuten durchgehend konzentrierter Arbeit. Wobei die eine Hälfte der Unterbrechungen von externer Stelle kommt, die andere von unseren eigenen Gedanken.

Dopamin-Tipps für Führungskräfte

Welche Handlungstipps können Sie Führungskräften mit auf den Weg geben?

Bernd Hufnagl: Zum Einstieg: Gute 30 % der Führungskräfte haben den falschen Job. Sie sind dafür einfach nicht geeignet und fühlen sich in ihrer Führungsrolle oft auch gar nicht wohl. Die meisten sind fachlich top, empfinden aber wenig Empathie. Jemand, der kein Interesse am Menschen hat, darf einfach nicht führen.

Es muss in der Führung die Bereitschaft geben, weiterhin zu lernen. Prinzipiell lernen wir Menschen durch Vorbilder. Viele Führungskräfte haben aber gar keine Antwort auf die Frage, wer ihr Vorbild ist. Da ist niemand, den sie für dessen Leistung bewundern und danach streben. Das ist fatal.

Jede Führungskraft sollte ein Vorbild haben.

Weiters braucht es die Grundbereitschaft, Menschen beruhigen zu wollen, auch wenn man selbst gerade gestresst und unter Druck ist. Wir sind ansteckend, auch was unsere Grund- und Wertehaltung und unser Stressverhalten angeht. Grant und Unmut würden sich 1 zu 1 in den Mitarbeitern widerspiegeln. Führungskräfte müssen sich fragen, womit sie andere anstecken wollen.

Dopamin-Tipps für Mitarbeitende

Was können Mitarbeiter tun?

Bernd Hufnagl: Mitarbeiter müssen sich beteiligen. Es ist aber ärgerlicherweise zu beobachten, dass Konsumentenhaltung und passive Haltung zunehmen. Viele warten auf die nächste Mitarbeiterbefragung, in der ohnedies immer das Gleiche rauskommt, wie z. B. die mangelnde Kommunikation der Vorgesetzten mit ihren Teams. Wenn man seinen Unmut immer nur im Jammerzirkel in der Kaffeeküche – ich nenne das gerne „Oxytocin-Party“ – kundtut, passiert kurzfristig für 20 Minuten in unserem Gehirn ein Oxytocin-Ausstoß, der uns Angst nimmt und uns beruhigt. Langfristig aber trainiert man sich seine Selbstwirksamkeit ab. Nämlich die Überzeugung, dass man immer mitentscheidet wie es einem geht. Der Blick nach vorne, die Hoffnung, das Steuern, die aktive Beteiligung an Prozessen ist immer möglich.

Unser dopamingesteuertes Belohnungssystem muss bedient werden. Das funktioniert über Zukunfts- und Lösungsorientierung, nicht über Vergangenheits- und Problemorientierung.

Mitarbeiter müssen auch nach oben führen. Sie müssen nicht nur mitdenken und mitgestalten, sondern auch Antworten einfordern, Gründe für Entscheidungen kennen und verstehen. Können sie Entscheidungen nicht nachvollziehen, startet schon die nächste Oxytocin-Party in der Kaffeeküche und Gerüchte und Halbwahrheiten nehmen ihren Lauf. Und zu guter Letzt gilt es an der eigenen Fähigkeit zu arbeiten, nicht veränderbares akzeptieren zu lernen. Love it, change it or leave it!

Gehört die Führungskraft des Mitarbeiters zu den schon genannten 30 % und es passt einfach nicht, bleibt ein Wechsel nicht aus, intern oder von Konzernstrukturen in kleinere. Das muss man sich einfach trauen und nicht zu lange durchhalten.

 

Dr. Bernd Hufnagl studierte Biologie und Medizin. Schwerpunkte seiner Studien, Forschung und Lehre waren Neurobiologie, Hirnforschung und Verhaltensbiologie. Mit seinem Beratungsunternehmen Benefit ist er auf Betriebliches Gesundheitsmanagement spezialisiert. Zudem ist er Autor, Keynote-Speaker und Managementtrainer.

Zum gesamten Jubiläumsmagazin: 33207.pdf (ars.at)

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