KI in Anwaltskanzleien: Interview mit IT-Rechtsexpertin Katharina Bisset
Die KI zieht immer mehr auch in Anwaltskanzleien ein. Der Einsatz in dieser sensiblen Branche ist natürlich aus verschiedenen Aspekten besonders. IT-Rechtsexpertin Katharina Bisset ist selbst Vorreiterin in der KI-Nutzung und gibt einen Einblick in die Dos und Don’ts.
Wie verändert die KI die Arbeit von Rechtsanwält*innen konkret?
Es ist nicht nur die KI, welche die Arbeit für uns Jurist*innen ändert, sondern die Automatisierung und Digitalisierung per se. Die KI beschleunigt jedoch den Digitalisierungsschub. Die KI ist ein Digitalisierungstool, wie andere auch, jedoch technologisch mächtiger. Und ich schätze bei dieser Entscheidung die Vorteile der KI deutlich höher ein als die Nachteile.
Hat die KI auch Einfluss in die Abrechnung für Jurist*innen?
Das ist ein interessanter Sidestep in dieser Diskussion. Ich finde das Statement: „Die KI ist der Tod des Stundensatzes“ nach hinten gerichtet. Meiner Meinung nach ist der Stundensatz schon seit längerer Zeit dem Tode geweiht.
Wo sehen Sie ideale Einsatzfelder für die KI in der Kanzlei und welche Tools nutzen Sie?
Brainstorming, Formulierungen, Dokumentenzusammenfassungen, Analyse – das sind für mich klassische Themen, wo die KI unterstützen kann. Auch alles, was händisch sehr zeitintensiv ist, so zum Beispiel einen Vertrag von Sie auf Du zu ändern. Ich selbst verwende für juristische Belange JAASPER, für nicht juristische, nicht sensible Themen probiere ich mich durch die KI-Landschaft durch.
Was mich in der gesamten Diskussion stört, ist der Wunsch, dass die KI juristische Kerntätigkeiten ausüben soll. Das ist eine verfehlte Diskussion: Ich möchte langweilige Dinge die KI machen lassen, so zum Beispiel die Mailablage oder den Vergleich von Vertragsstücken. So kann ich mich auf interessante Tätigkeiten konzentrieren.
Die KI wird niemals ein Trusted Advisor sein.
Welche rechtlichen Herausforderungen sehen Sie bei KI-Systemen?
Die größte Herausforderung ist der AI Act. ABER der AI Act ist nicht das Einzige, das man beachten muss. So zum Beispiel das Urheberrecht und das anwaltliche Berufsgeheimnis. Aber auch der Datenschutz ist ein zentrales Thema, da beim KI-Training verwendete Daten nur schwer zu löschen sind. Das ist auch eine wichtige Frage für Softwareanbieter in der Rechtsbranche. Welche Schnittstellen braucht es? Wo fließen die Daten hin? Ich empfehle daher, bei den Anbieter*innen konkret nachzufragen, wie es um die (Daten-)Sicherheit bestellt ist.
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AI Act
Der AI Act ist die EU-Verordnung zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz, eng verzahnt mit DSGVO, RIS (Rechtsinformationssystem) und Bundesgesetzblatt.
Wie können Unternehmen sicherstellen, dass ihre KI-Anwendungen rechtskonform sind?
Bei Verwendung von KI im Unternehmen ist die erste Frage, ob man sich im Hochrisikobereich befindet. Unter diesen Begriff fallen KI-Systeme, die in Art. 6 des AI Act definiert sind. Anwendungsbereiche finden sich zum Beispiel in der Justiz, Strafverfolgung, Bildung oder auch beim Zugang zum Arbeitsmarkt. Besonders kritisch ist auch das Recruiting.
Aber auch KI außerhalb des Hochrisikobereichs ist im AI Act reguliert. Es geht um die KI-Kompetenzen, das Know-how der Nutzer*innen und KI-Guidelines im Unternehmen. Diese Richtlinien müssen auf das Unternehmen und die jeweilige Branche abgestimmt sein.
Auszubildende müssen trotzdem lernen zu recherchieren oder gute Verträge zu verfassen.
Welche Haftungsrisiken entstehen durch die Nutzung von KI in der Rechtsberatung?
Haftung ist am Ende eine klassische zivilrechtliche Frage. Wir Anwält*innen haften für alles, was unsere Kanzlei verlässt. Welche Unterstützungen ich verwende, unterliegt meiner Verantwortung. Die Erwartungshaltung, dass die KI meine juristische Kerntätigkeit übernimmt, ist ähnlich idealistisch wie Studierende, die sofort alleine einen Vertrag schreiben. Genauso, wie ich die Arbeit eines Mitarbeitenden einschätzen muss, muss ich auch die Arbeit der KI einschätzen.
Welche Rolle spielt KI bei der Ausbildung des juristischen Nachwuchses?
In der Ausbildung gilt generell: Wir sind noch nicht am Punkt, wo ganze Arbeitskategorien ersetzt werden können. KI-generierte Musterverträge sind toll, aber der Nachwuchs muss lernen, wie man klassisch einen Vertrag schreibt oder im RIS recherchiert.
Auch die Diskussion, warum eine Klausel Anwendung findet und nicht die andere, ist essenziell für die Ausbildung. Ich hoffe, dass dieser Schritt in der Ausbildung nicht übersprungen wird.
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Abschließende Frage: Welche Herangehensweise empfehlen Sie?
Am Anfang steht die große Frage: Welches Problem will ich lösen? Welche Prozesse und Workflows sind dafür geeignet? Danach kommt erst die Frage des Tools. Ebenso bedacht werden muss: Wie verhält es sich mit dem Datenschutz und dem Thema Konformität zum Standesrecht.
