Neue EU-Antikorruptionsrichtlinie nimmt Form an
Die regulatorischen Anforderungen an Unternehmen wachsen kontinuierlich – das zeigt nicht zuletzt die neue EU-Antikorruptionsrichtlinie, die der Compliance-Arbeit in ganz Europa zusätzlichen Rückenwind verleiht. Doch wie gelingt die Umsetzung in der Praxis, und was bedeutet das für Compliance-Verantwortliche? Unternehmensberaterin und Compliance-Expertin Andrea Pilecky widmet sich diesen und weiteren Fragen.
Compliance Know-How: Die EU-Antikorruptionsrichtlinie nimmt Gestalt an
Korruptionsbekämpfung zählt seit vielen Jahren zu den Kernaufgaben von Compliance. Mit der Verabschiedung der neuen EU-Antikorruptionsrichtlinie hat dieses Thema nun zusätzlichen Rückenwind erhalten. Ziel der Richtlinie ist es, Korruptionsdelikte innerhalb der Europäischen Union stärker zu harmonisieren und die Bekämpfung von Korruption auf eine einheitlichere Grundlage zu stellen. Nach der formellen Verabschiedung auf EU-Ebene haben die Mitgliedstaaten nun zwei Jahre Zeit, die Vorgaben in nationales Recht umzusetzen. Auch wenn die konkreten gesetzlichen Änderungen in Österreich daher noch etwas auf sich warten lassen, ist die Richtung bereits klar erkennbar.
Für Compliance-Verantwortliche bedeutet das weniger eine grundlegende Neuausrichtung als vielmehr eine Bestätigung einer Entwicklung, die bereits seit Jahren zu beobachten ist: Die Erwartungen an wirksame Compliance Management Systeme steigen kontinuierlich. Korruptionsprävention wird zunehmend als Führungs- und Organisationsaufgabe verstanden und nicht mehr ausschließlich als juristische Fragestellung.
Besonders relevant ist dabei auch die stärkere Fokussierung auf die Verantwortlichkeit juristischer Personen. Unternehmen sollen künftig noch stärker in die Pflicht genommen werden, wenn Korruptionsdelikte innerhalb ihrer Organisation begangen werden. Damit rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob angemessene Präventions-, Kontroll- und Überwachungsmaßnahmen etabliert wurden und tatsächlich wirksam sind. Für die Compliance Community ist die neue Richtlinie daher eine weitere Bestätigung dafür, dass die strategische Bedeutung von Compliance weiter zunimmt. Genau deshalb lohnt sich auch ein Blick auf das Fundament jedes wirksamen Compliance Management Systems: die Compliance-Risikoanalyse.
Compliance verstehen
Seminare der ARS Expertin Andrea Pilecky
Die Risikoanalyse ist kein Dokument für die Schublade. Sie bildet die Grundlage für sämtliche weitere Compliance-Maßnahmen und sollte regelmäßig überprüft und aktualisiert werden.
Aus dem Compliance-Werkzeugkasten: Die Risikoanalyse
Fragt man Compliance Officer nach den größten Herausforderungen beim Aufbau oder der Weiterentwicklung eines Compliance Management Systems, fällt ein Thema besonders häufig: die Compliance-Risikoanalyse.
Dabei ist die Risikoanalyse weit mehr als eine Pflichtübung. Sie bildet die Grundlage für nahezu alle weiteren Compliance-Maßnahmen. Nur wer seine wesentlichen Risiken kennt, kann Ressourcen sinnvoll einsetzen, Schwerpunkte setzen und angemessene Maßnahmen entwickeln.
In der Praxis zeigt sich jedoch oft, dass Unternehmen entweder zu breit oder zu detailliert vorgehen. Häufig fehlt auch eine gemeinsame Sicht auf die tatsächlichen Risikotreiber des Unternehmens. Nicht selten werden Risiken ausschließlich aus Compliance-Sicht betrachtet. Wertvolle Perspektiven aus Vertrieb, Einkauf, HR oder dem sonstigen operativen Geschäft bleiben dabei unberücksichtigt. Gerade diese unterschiedlichen Blickwinkel sind jedoch entscheidend, um Risiken realistisch einschätzen zu können.
Ein guter Ausgangspunkt ist daher eine strukturierte Stakeholderanalyse. Welche internen und externen Anspruchsgruppen beeinflussen das Unternehmen? Wo bestehen Berührungspunkte zu Behörden, Kund*innen oder Lieferant*innen? Welche Geschäftsprozesse sind besonders risikobehaftet?
Darauf aufbauend empfiehlt sich ein moderierter Risikoanalyse-Workshop mit Vertreter*innen verschiedener Unternehmensbereiche. Erfahrungsgemäß hat sich eine Gruppengröße von etwa zehn bis fünfzehn Personen bewährt. So können unterschiedliche Perspektiven eingebracht werden, ohne dass die Diskussion unübersichtlich wird.
Wichtig ist dabei vor allem eines: Die Risikoanalyse ist kein Dokument für die Schublade. Sie bildet die Grundlage für sämtliche weitere Compliance-Maßnahmen und sollte regelmäßig überprüft und aktualisiert werden. Wer hier sauber arbeitet, schafft die Basis für ein wirksames und zielgerichtetes Compliance Management System.
Vertiefendes Wissen
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Perspektive: Sichtbarkeit schafft Wirkung
Viele Compliance Officer kennen das Gefühl: Man investiert viel Zeit in Analysen, Richtlinien, Schulungen und Beratungen, bleibt aber häufig im Hintergrund. Dabei gewinnt die Sichtbarkeit von Compliance in Unternehmen zunehmend an Bedeutung. Wer als kompetente Ansprechperson wahrgenommen wird, kann Themen früher platzieren, Risiken besser adressieren und Veränderungen wirksamer begleiten.
Dabei entscheidet die persönliche Wirkung häufig darüber, ob Botschaften tatsächlich ankommen. Wer Schulungen hält, vor dem Vorstand präsentiert oder sensible Themen anspricht, braucht nicht nur fachliche Expertise, sondern auch die Fähigkeit, sicher aufzutreten.
Persönliche Sichtbarkeit bedeutet dabei nicht Selbstvermarktung. Vielmehr geht es darum, die eigene Expertise sichtbar zu machen und Compliance-Themen verständlich zu vermitteln. Gerade in einer Funktion, die häufig zwischen Management, Fachbereichen und Mitarbeitenden vermittelt, ist eine klare und überzeugende Kommunikation ein wichtiger Erfolgsfaktor.
Mit zunehmender Sichtbarkeit steigen allerdings auch die Anforderungen an das eigene Auftreten. Präsentationen, Workshops oder Vorträge vor größeren Gruppen gehören für viele Compliance-Verantwortliche inzwischen zum Arbeitsalltag. Entsprechend vertraut ist auch das Gefühl von Nervosität.
Ein einfacher Praxistipp ist die sogenannte 5-Sinne-Methode. Kurz vor einem Auftritt konzentriert man sich bewusst auf fünf Dinge, die man sieht, vier Dinge, die man hört, drei Dinge, die man spürt, zwei Dinge, die man riecht und eine Sache, die man schmeckt. Diese Technik hilft dabei, die Aufmerksamkeit zurück in den Moment zu holen und typische Gedankenspiralen vor Präsentationen zu durchbrechen.

